Sachbücher / Politik
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Ein schöner Tag zum Sterben
Autor(en): Heike Groos
Verlag: Krüger Verlag
Preis: 18.95
ISBN: 978-3-8105-0877-5
Erschienen: August 2009
Durschnittliche Bewertung:
Verlag: Krüger Verlag
Preis: 18.95
ISBN: 978-3-8105-0877-5
Erschienen: August 2009
Durschnittliche Bewertung:
Buchauszug:
Ich werde oft gefragt, warum ich mich nach Afghanistan schicken ließ, hatte ich denn nichts Besseres zu tun als alleinerziehende Mutter? Die Antwort ist einfach. Es war mein Job. es war mein Beruf. Und mittlerweile hatte ich ein fünftes Kind bekommen und einen Mann gefunden, der in meinem Leben zu bleiben schien. Er würde sich um die Kinder kümmern, wenn ich weg war. Außerdem müssen meine Kinder essen und wohnen und zur Schule gehen, sie wollen ein Fahrrad und neue Fußballschuhe und ins Kino, und ich war nicht nur Ärztin, ich war Soldat. Ja, Soldat. Als ich bei der Bundeswehr anfing, gab es den Begiff Soldatin nicht, und man erklärte uns, dass wir als Berufsangabe nun "Soldat" zu schreiben hatten ...README Buchbesprechung:
Autor: avb, Datum: 24.08.2009Buch-Bewertung:
Heike Groos arbeitete als Oberstabsärztin viele Monate in Afghanistan. Ihre große Erfahrung als Notärztin würde dort besonders gebraucht werden. So glaubte sie, aber trotz aller Bilder in den Medien, obwohl sie schon so viel Schrecken gesehen hatte - so richtig vorstellen konnte sie sich das Leben in fast unerträglicher Hitze und eisiger Nachtkälte nicht, unter Rakentenbeschuss und beim Bergen von zerfetzten Leichen nicht. Ein humanitärer Einsatz, so dachte sie, Hilfe für kranke Kinder und Mütter, beim Aufbau des zerstörten Landes, dasein für ihre Kameraden und die Fremden, die ihrem Schutz anvertraut wurden.
Dann sprengten Afghanen einen ISAF-Bus in die Luft, besetzt mit Bundeswehrsoldaten auf dem Weg zum Flugplatz - um nach Hause zu fliegen. Vier starben am Ort des Anschlags, viele Schwerverwundete mussten versorgt werden. Und alle, die dabei waren, wurden mit dem Erlebnis fertig. Irgendwie. Sie blieben, halfen weiter, taten ihre Pflicht.
Heike Groos beschreibt, dass eigentlich keiner mit diesem und ähnlichen Erlebnissen "fertig" wurde. Die psychologische Betreuung war schlecht, zu wenig, zu spät. Und wer sich etwas anmerken ließ von seiner Trauer, seinen Alpträumen, seinem sehr realen Schmerz, dem Hass, seiner Unfähigkeit mit dem Grauen so umzugehen, dass der Dienst ungestört weitergehen konnte - jeder, der nicht vergessen konnte, galt als "krank", kam in die Psychiatrie. Und fand auch dort keine Hilfe. Wie Heike Groos.
Die Ärztin verließ nach mehreren Afghanisatneinsätzen die Bundeswehr, wanderte mit ihren Kindern aus nach Neuseeland, an den äußersten Rand der Welt, weit weg von der Hölle des Krieges. Und sie schrieb auf, was sie erlebt hatte. Sehr nüchtern, kitschfrei, objektiv - auch sich selbst gegenüber. Sie beschreibt nicht nur ihre Arbeit als Bundeswehärztin, sondern auch die Besuche der Abgeordneten, die sich selbst ein Bild machen wollen, aber empört darüber sind, dass das Lager ausgerechnet während ihres Besuches von Raketen beschossen wird. Groos beschreibt die Sturheit mancher Vorgesetzten, die von ihren Untergebenen Marionettengehorsam verlangen, und die Tricks, mit denen sie wenigstens manchmal umgangen werden können. Sie beschreibt die schlechte Ausrüstung der Soldaten und ihre selbst durch dümmste Befehle nicht zu unterminierende Einsatzbereitschaft. Und immer wieder beschreibt sie die Folgen, die ihre Einsätze haben. Mit sich selbst als "typischem Fall" von Gefechtstrauma.
"Ein schöner Tag zum Sterben" - ein sozusagen geflügeltes Wort, bissiger Einsatzhumor, mit dem sie und ihre Kameraden sich das Weiterleben einen Hauch leichter zu machen versuchen - ist ein sehr persönliches Buch über das Leiden einer einzelnen Frau, die an dem Erlebten beinahe zerbricht und die deshalb sicher von vielen Bundeswehrmänner verachtet werden wird. Weil Heike Groos aber überhaupt nicht zu Sentimentalität neigt, als Ärztin immer zuerst die Anderen sieht, ihre Gefühle eisern in Zaum hält, ist aus ihren persönlichen Erlebnissen ein faktenreiches Buch über die Bundeswehr geworden, das niemand gelangweilt weglegen wird, der einmal zu lesen angefangen hat. Denn es ist auch ein Buch über den Krieg, den die Bundeswehr in Afghanistan angeblich gar nicht führt - über die Grausamkeiten, die er auch jenen antut, die äußerlich unverletzt zurückkommen. Letzten Endes ist es ein Thriller der Wahrhheit, spannender als die meisten Krimis, entlarvend und (hoffentlich!) verletzend für die Verantwortlichen, für die Soldaten nur Zahlen sind, verstörend für jeden - und tröstlich für jene, die bisher die >Zähne zusammengebissen<, >durchgehalten< und >ihre Pflicht getan< haben (oder wie sonst die schönen Floskeln heißen, die offiziell fürs Verdrängen und Weitermachen verwendet werden).
Ans Töten, so sagen die Mitglieder von Spezialeinheiten, kann man sich gewöhnen. Es wird mit der Zeit immer leichter. Vielleicht kann man sich auch an das Schreien von Verletzten gewöhnen, an Blut und Schmerzen und zerrissene Körper, an den Tod, den Attentäter in Afghanistan aus dem Hinterhalt bringen. Aber wollen wir Menschen in unserer Umgebung, als Lehrer, womöglich Vorbilder von jungen Männern und Frauen, die sich an so etwas gewöhnen können, gewöhnt haben?
Auf philosophischen Fragen wie diese geht Heike Groos so wenig ein wie auf die politischen Probleme der Regierung, die zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan geführt haben. Sie fragt nicht nach dem Sinn dieses Krieges, ihrer insgesamt zwei Afghanistanjahre, stellt ihre Entscheidung, "Soldat" zu werden, nicht in Frage. Sie schildert "nur", welche Konsequenzen der Einsatzbefehl auf den Einzelnen haben kann, dessen Beruf "Soldat" ist.
Trotzdem oder gerade deshalb:
"Ein schöner Tag zum Sterben" sollte für jeden Bundestagsabgeordneten Pflichtlektüre sein. Um sich selbst zu fragen, ob er oder sie den Mut einer Heike Groos aufbringen, wie er oder sie selbst mit ihren Erlebnissen fertig werden, was er oder sie dazu betragen könnte, um den Betroffenen wirklich zu helfen. Damit nie wieder ein Angeordneter eine Dienstreise nach Afghanistan unternimmt und sich dort fassungslos beschwert, dass ausgerechnet an seinem Besuchstag Raketen auf das Bundeswehrlager gefeuert werden ...

