Sachbücher / Trend/Zukunft
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Heldengedenken

Autor(en): Hrg: Karl Heinz Bohrer & Kurt Scheel
Verlag: Klett-Cotta
Preis: 19
ISBN: 978-3-608-97117-0
Erschienen: September 2009

Durschnittliche Bewertung: Bewertung: 0 von 5 Sternen

Buchauszug:

"Junge Männer sind, zumal in einer hierarchischen Sozietät, am ehesten entbehrlich und oft im Verhältnis zu den anderen Gruppen in der Gesellschaft in der Überzahl. Nur über viele kleine, mühsam erkämpfte Schritte kommen sie in ihren Positionen voran. Mit einer Heldentat können sie in einem großen Schritt vorrücken, Ansehen und Einfluss gewinnen. Der Aufstieg der jungen Männer bedroht jedoch umgekehrt insbesondere die Etablierten und deren (hohe) Positionen. Die Jungen gegen den Feind zu schicken verursacht viele Verluste und schafft freie Positionen. Junge Männer sind die idealen Soldaten. Aus ihnen geht selten ein Held hervor, der überlebt und zum Überflieger wird. Denn die Mächtigen können zwar einzelne Helden brauchen, aber keine junge Armee, die von unten nach oben drückt. Günstiger sind die auf der Strecke gebliebenen Helden, derer man post mortem gedenkt. Sie haben sich den Mächtigen als doppelt hilfreich erwiesen: Sie dienten dem Ansehen der Führer und wurden diesen mit ihrem Tod keine Gefahr mehr."

Josef H. Reichholf, Elvolutionsbiologe, Leiter der Abteilung Wirbeltiere der Zoologischen Sammlung München, "Zur Soziobiologie des Heroischen".

README Buchbesprechung:

Autor: avb, Datum: 27.10.2009
Buch-Bewertung: Bewertung: 0 von 5 Sternen
Merkur, die "deutsche Zeitschrift für europäisches Denken" hat einem sonderbar altmodisch anmutenden Thema ein Sonderheft gewidmet, aber die Beträge sehr unterschiedlicher Wissenschaftler aus Soziologie und Journalistik, Philosophie und Psychologie, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte sind - alles in allem - erstaunlich up-to-date. Weit aktueller als der Titel "Heldengedenken. Über das heroische Phantasma" vermuten lässt (Zwischenfrage: Muss ein so interessantes Buch mit so vielen erhellenden Texten, das auch Laien in Wirtschaft, Politik und Militär interessieren könnte, ein so unbekannt-abschreckendes Wort wie "Phantasma" im Untertitel tragen?), denn hier geht es um "Zivilcourage und Heldentum", um die Frage "Wie Jugendliche heute Helden sehen", "Musikhelden und Heldenmusik". Es geht um den "Dandy als Held", und Hofnarren (zugegeben, beides ist nicht sehr nicht sehr aktuell), aber auch um "Erwachsen werden mit Luke Skywalker und Spiderman", "Don Quijote oder der moderne Held als Terrorist", "Helden des Alltags", "Soldaten und Söldner".

Heldentum ist also wieder aktuell genug, um Wissenschaftler und Journalisten zum Nachdenken darüber zu bringen, was eigentlich einen Helden ausmacht - in den Augen der Öffentlichkeit und seinen eigenen. Nicht dass das Thema neu wäre. Schon Homer hat sich den Kopf darüber zerbrochen, warum der cholerische Grieche Achill so viel angesehener war als der brave (und trotzdem ebenso mutige) Hektor aus Troja. Im Mittelalter erfanden wir Deutschen Siegfried, und seit damals zerbrechen sich Frauen darüber den Kopf, ob sie diesen Drachentöter als Held bewundern sollen oder als Brunhildvergewaltiger verabscheuen.

Nach den Weltkriegen sank der Heldensehnsuchtspegel gegen Null (zumindest in Deutschland),  aber dann kamen John Wayne und sein Colt auf die Leinwände, James Bond rettete die Welt und eroberte die Frauenherzen, "die dunkle Seite der Macht" und Harry Potter machten Karriere. Helden en masse und en detail.

Auch die schlauen Autoren im Merkur-Sonderheft können das "Phantasma" des Heroischen nicht so richtig erklären. Die Faszination, die der mutige Kommissar im Krimi ausübt, aber nicht der deutsche Soldat in Afghanistan, bleibt ein Geheimnis. Klar wird dagegen, warum, zum Beispiel, arabische Fanatiker ihre jungen Männer zu Selbstmordattentätern ausbilden (siehe Buchauszug oben) und wieso Helden so oft Schwachstellen haben (Siegfrieds Lindenblatt, der Wahnsinn von Lanzlot, der Ungehorsam des Prinzen von Homburg): Sie sind notwendig, damit sich auch die tapferen Schneiderlein Heldentaten zutrauen nach dem Motto: Wenns der mit seiner kaputten Achillesferse schafft,  dann hab ich auch eine Chance. Nicht nur beim Fliegenerschlagen.

Tja, das Land braucht tatsächlich neue Helden. Ständig. Und heute haben die Tapferen mehr Chancen auf Ruhm und Ehre als je zuvor, wenn auch nur kurzfristig. Bis der nächste Junge seine Schwester aus einem Eisbach rettet oder ein Mann für seine Frau nicht nur Spinnen aus dem Haus trägt, sondern sie auch vor einem wütenden Kampfhund rettet (und selbst dabei schwer verletzt wird, sonder berichtet niemand drüber).  Wir benutzen sie als Stellvertreter wie die ersten Clans den Jungmann, der die Löwenjagd nicht organisiert wie der Clanchef, sondern sich der Bestie entgegenwirft, sobald sie aus der Deckung springt. Einen Helden in unserer Gruppe zu haben, hebt das allgemeine Prestige. Und entschuldigt die eigene Vernunft, die mit sehr einleuchtenden Argumenten von einer Konfrontation mit wilden Tieren (oder S-Bahn-Rüpeln) abrät.

Ob genau diese Überlegung, fundiert durch wissenschaftliche Forschungen, auch in "Heldengedenken" steht? Ich weiß es nicht. Das Buch ist nicht zum Jede-Seite-Durchackern gedacht (deshalb hab´ ichs auch nicht gemacht), sondern zum Blättern, sich Festlesen, das Gelesen durchs eigene Gehirn wälzen, Weiterblättern und Honig aus der nächsten oder übernächsten  Gedankenblüte der Denkprofis saugen. Wer es so nutzt, lernt nicht nur Interessantes über Don Quijote oder den Sinn von Kriegen in den Augen der Machthaber, sondern auch über sich selbst. Das ist mit etwas Mühe verbunden. Die hier versammelten Denker sind Deutsche und schreiben deshalb meist nicht fürs Volk, sondern für die Kollegen, aber es macht Spaß. Schließlich gibt es (abgesehen von Sex) kein spannenderes Thema. In der Fußballkneipe und im Zigarren-Club, in Chatrooms und beim entspannten Gespräch am Rand des Kinderspielplatzes. 

PS: Ein "Phantasma", sagt Wikipedia, ist übrigens "eine mentale, innere Vorstellung, oft auch abwertend im Sinne eines Hirngespinstes oder Trugbildes" gebraucht.

 



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