Historisches / Romane
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Hiobs Brüder
Autor(en): Rebecca Gablé
Verlag: Ehrenwirth
Preis: 24.99
ISBN: 978-3-431-03791-3
Erschienen: September 2009
Durschnittliche Bewertung:
Verlag: Ehrenwirth
Preis: 24.99
ISBN: 978-3-431-03791-3
Erschienen: September 2009
Durschnittliche Bewertung:
Buchauszug:
Keine dreißig Schritte vom Bootssteg entfernt erhob sich ein Palisadenzaun mit einem mächtigen hölzernen Torhaus."Der Schlüssel, Bruder Martin", drängte der mit den Nasenhaaren. Es klang ungeduldig und ein bisschen nervös.
Sie hatten wirklich Angst vor ihm, wusste Simon. Jetzt ganz besonders. Sie fürchteten, im letzten Augenblick könne noch irgendetwas schief gehen, könnte er sich mit Hilfe der finsteren Mächte, die ihm innewohnten, befreien und sie alle niederstrecken oder in Regenwürmer verwandeln. Bruder Nasenhaar hielt seinen Eschenstock einsatzbereit hoch, und die hellen Augen strahlten unnatürlich. ....
Die beiden jungen Mönche mussten ihre gesamte Kraft aufbieten, um einen der schweren Torflügel weit genug zu öffnen. Als der Spalt so breit wie ein Mann war, traf Simon ein tückischer Stoß mit dem Stockende in den Nacken, er torkelte über die Schwelle und fiel auf die harte Erde. Da er seinen Sturz nicht mit den Händen abfangen konnte, landete er auf der Brust, und für einen Moment konnte er sich nicht rühren. Als er Bruder Nasenhaar brummen hörte: "Gott sei dir gnädig, Söhnchen", fuhr sein Kopf herum, aber schon schlug das Tor hallend zu.
Simon wälzte sich auf die Seite, spürte eiskalten Schlamm unter der Wange und weinte.
README Buchbesprechung:
Autor: avb, Datum: 15.10.2009Buch-Bewertung:
1147. In England tobt der Bürgerkrieg zwischen König Stephan und Kaiserin Maud (sie ist als junges Mädchen mit einem deutschen Kaiser verheiratet worden und besteht auch nach seinem Tod auf ihrem Titel). Beide, Stephan wie Maud, sind Enkel von William dem Eroberer, und jeder ist überzeugt, dass nur ihm die englische Krone zusteht. Auf der winzigen Burginsel, auf der der junge Normanne Simon eingesperrt wird, weiß man davon nichts. Hier entsorgen Heilermönche Kranke und Krüppel, von denen sie glauben, dass sie von Dämonen besessen sind oder seit ihrer Geburt von Gott verlassen. Hier geht es ums pure Überleben.
Simon hat die Fallsucht, erleidet also ab und an epileptische Anfälle. Von seinen armseligen Gefährten hält einer sich für einen wiedergeborenen Heiligen. Ein ehemaliger Kreuzfahrer hat sein Gedächtnis verloren, zwei sind an den den Hüften zusammengewachsene Zwillinge, einer glaubt, er habe eine bisswütige Schlange im Bauch und der letzte ist von Geburt an schwachsinnig. Aber liebenswert.
Als ein Sturm die elende Burg überschwemmt, auf der sie für den Rest ihres Lebens eingesperrt wurden, das Torhaus zerstört, kann diese Gruppe aufs Festland fliehen, aber willkommen sind sie nirgendwo. Nicht im Dorf der Zwillinge, dessen Bewohner sie einst als Glücksbringer verehrten. Nicht auf Simons Gut, das sich längst andere unter den Nagel gerissen haben. Nur auf der Burg Helmsby werden sie begeistert begrüßt - weil der angebliche Kreuzfahrer der seit drei Jahren verschwundene Burgherr Alan of Helmsby ist. Doch der kann sich an nichts erinnern.
Natürlich findet er irgendwann sein Gedächtnis wieder und stellt fest, dass er ein erstklassiger Ritter & Schwertkämpfer ist, ein bewunderter Krieger für Kaiserin Maud. Simon und die Zwillinge schließen sich Henry, dem Sohn der Kaiserin an, der schließlich England für sich erobert. Zusammen mit Alan. Der verrückte Heilige wird Priester in Helmsby (und rettet Alan das Leben). Der Mann mit der Schlange im Bauch findet Zuflucht in einem der allerersten englischen Häuser für Verrückte, eröffnet von einem jüdischen Arzt und finanziert von Alan. Und der Schwachsinnige lebt glücklich in Helmsby. Unter der Obhut von Alans jüdischer Frau (was die Strenggläubigen in beiden Religionen entsetzt).
Reichlich Verwicklungen, mit denen Rebecca Gablé, früher Dozentin für mittelalterliche englische Literatur und inzwischen mehrfach ausgezeichnete Bestsellerautorin, an ihre erste History-Fiction "Das zweite Königreich" anschließt. Damals ging es auch schon um einen jungen Helmsby. Er half William the Conquerer bei der Eroberung Englands, weil er als sein "Mund" das normannische Französisch ins angelsächsische Englisch seiner neuen Untergebenen übersetzte. Und in die "falsche" Frau verliebt hat er sich ebenfalls.
Alan of Helmsby ist sein Urenkel, aber die Zeiten sind nicht besser geworden. Oder weniger grausam.Wie immer in ihren spannenden und perfekt recherchierten Romanen scheut Rebecca Gablé auch in "Hiobs Brüdern" nicht vor der dataillierten Wiedergabe von unmenschlichen Foltern zurück. Sie schildert die tödlicher Intoleranz der Kirchenmännern (zum Beispiel gegen Heiraten zwischen Juden und Christen) wie die brutalen Kämpfe zwischen den Rittern und Soldaten auf beiden Seiten dieses Bruderkriegs, ihre widerlichen Methoden, um die leibeigenen Bauern klein zu halten, ihre Missachtung und miese Behandlung von Frauen und Kindern. Und vermittelt dem Leser mit leichter Hand, wie unendlich wichtig jedem trotzdem der Glaube an Gott (und wie groß die Furcht vor seinen Priestern) war, welche Verpflichtungen Ritter gegenüber ihrem Schwurherrn hatten und gegenüber ihren Leibeigenen. Und sie mischt so viel Liebe, Glück und menschliche Größe in ihre Erzählung, dass die Grausamkeiten erträglich werden. Und begreifbar.
History-Fiction-Autor Bernard Cornwell (siehe readme-Besprechung "Das Zeichen des Sieges"), der sich auch auf englische Geschichte spezialisiert hat, verzichtet auf solche "Sentimentalitäten". Er schreibt sogar besser als Rebecca Gablé (dank seines Verzichts auf allzuviel Stimmungswörter), recherchiert die Fakten mindestens so sorgfältig, aber seine Romane sind Männerbücher, nüchtern und hart. Liebe findet nur in Kampfpausen statt. Wahrscheinlich wurden sie deshalb nicht zu Bestsellern wie die von Gablé, aber die hohen Auflagen sprechen nicht gegen die Autorin von "Hiobs Brüdern":
Wer eine farbenfrohe Mischung aus historischem Love & Crime sucht, wer zwischen Kämpfen & Bettspielen sozusagen nebenbei etwas über das Leben vor Hunderten von Jahren lernen will, etwas sorgfältig dosierten Kitsch genießt, der wird Gablés Romane lieben. "Hiobs Brüder" ist (neben "Das zweite Königreich", siehe readme-Rezession) wohl der anrührendste. Und interessanteste? Nein, das nicht, aber der schönste.

