Historisches / Sachbücher
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Letzte Lieder

Autor(en): Georg Kreisler
Verlag: Arche
Preis: 19.80
ISBN: 978-3-7160-2613-7
Erschienen: Sommer 2009

Durschnittliche Bewertung: Bewertung: 4 von 5 Sternen

Buchauszug:

Mein Vater sagte mehrmals zu mir: "Den Faust verstehst du nicht." Und es dauerte einige Jahre, bis ich draufkam, dass er selbst nicht verstand, weil er alles vom Standpunkt eines damals noch nicht erfundenen Computers verstehen wollte. Faust ist aber, im Gegensatz zu einem Computer, unbeweisbar, und wenn man meint ihn zu verstehen, also beweisen zu können, ist man keinen Schritt weiter. Das ist dasselbe wie mit der Ouvertüre zur Zauberflöte. Man versteht sie erst, wenn man sie nicht versteht.

Als Kind wollte ich nicht lernen wie alle anderen, ich wollte erfahren. Außerdem begriff ich schnell, dass ich nicht alles tun konnte, was ich wollte. Wenn ich beispielsweise meiner Mutter den Gefallen tun und Klavier üben wollte, ging es nicht. Ich setzte mich ans Klavier und spielte und sang die Oper Freischütz, statt zu üben. So wie ein Strom zum Meer strebt, wie eine Opernouvertüre zur ersten Szene, so strebte ich meines Weges, unaufhaltsam.

README Buchbesprechung:

Autor: avb, Datum: 13.10.2009
Buch-Bewertung: Bewertung: 4 von 5 Sternen
Den Liedermacher, Chansonisten, Kabarettisten, Lustspielautor und Opernkomponisten kennen die meisten, die ihn heute überhaupt noch kennen, wegen zwei Liedern: "Gehn ma Taubenvergiften im Park" und "Zwei alte Tanten tanzen Tango in der Nacht".

In seiner klugen, bitteren, manchmal bösartigen Autobiographie beklagt sich Kreisler darüber. Mit Recht. Schließlich hat er in seinem langen Leben - bei der Veröffentlichung von "Letzte Lieder" war er immerhin 86 Jahre alt - hat er viel mehr geschafft. Zwei komische Opern, drei Romane "sowie fünf bis zehn andere Bücher", wie er selbst sagt, fünfzehn Theaterstücke, von denen einige heute noch gespielt werden, und über 500 eingängige Lieder, bei denen es meist erst nach dem zweiten Hören "Klick" macht, weil man erst dann die Trauer, die Anklagen, die Sorgen um die Welt in den Texten hört. Und jetzt hat er seine Autobiographie geschrieben.

1922 in Wien geboren, als Sohn jüdischer Eltern. 1938 in die USA, geflohen, ausgerechnet nach Hollywood. Kreisler wurde in die Army eingezogen, musste deutsche Kriegsgefangene verhören und zumindest zusehen, wenn sie von den vernehmenden Amerikanern gefoltert wurden wie noch vor kurzem in Guantanamo. Ob er mitgemacht, dass es ihn abgestoßen hat, sagt er nicht.
Nach dem Krieg lebte er noch bis 1955 in New York, kehrte dann nach Wien zurück, wo der Antisemitismus noch genauso stark war wie in seiner Kindheit, floh von dort aus weiter nach München, wieder nach Wien, nach Berlin und Basel und ließ sich schließlich, müde geworden, in Salzburg nieder. Aber:

Die Schilderung seines schwierigen und verschlungen Lebensweges, der Jahre lange Kampf gegen die Armut interessieren ihn nicht mehr. Letzten Endes geht es ihm (wie wohl allen Autobiographen) darum, seinen "letzten" Lesern in den "Letzten Liedern" etwas von der Weisheit weiterzugeben, die er im Lauf der Jahre gesammelt hat. Das ist keine abgeklärte Weisheit,  denn Kreisler sieht die Bosheit, den Hass der Masse gegen alles Fremde (auch wenn sie es nur vom Hörensagen, vom Tratsch her kennt), die Gier und den Egoismus der Konkurrenten nach wie vor als die Kräfte, die das Leben stärker bestimmen als Gutmenschen das glauben wollen. Gegen sie kämpfte er sein Leben lang. Seinem Worten nach ziemlich vergeblich.

Die "Letzten Lieder" sind trotzdem nicht das Buch eines verbitterten Juden geworden, der weniger unter den Nazis gelitten hat als unter einer allgemeinen, durch nichts zu erklärenden Abneigung. Wo immer er hinkam. Kreisler liebt die Kunst viel zu sehr, um sich davon und von den Gemeinheiten seiner Kollegen unterkriegen zu lassen. Er schreibt immer wieder neue Lieder und findet ein Publikum, das ihn dafür liebt. Darüber schreibt er kaum - außer nachdenklich Boshaftes.

"Ich habe nichts gegen Publikum, solange man es nicht als unbedingt notwendigen finanziellen Faktor betrachtet. Publikum ist ja gutmütig, amüsiert sich schon, bevor die Vorstellung überhaupt beginnt. Die Erwartung ist allzeit besser als das Erwartete, vor allem die Skeptiker wollen sich bestätigt sehen."

Trotzdem (oder vielleicht wegen seines ununterdrückbaren Zorns?) ist dieses schmale Buch weit lesenswerter als die meisten dicken Romane. Oder andere Selbstbeweihräucherungen am Ende eines langen Lebens. Weil Georg Kreisler sich selbst so wenig schont wie sein Publikum, den Leser manchmal zu Lachen bringt, aber immer zum Nachdenken.

Ich habe das Buch gelesen und möchte ...

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