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Ökologische Intelligenz
Buchauszug:
Eine weitere treffende Metapher für den Charakter industrieller Prozesse findet sich in einer chinesischen Abhandlung aus dem 8. Jahrhundert über den Gott Indra. In dem Himmel, in dem Indra wohnt, ist in allen Richtungen ein wundersames Netz gespannt, bei dem an jedem Knotenpunkt ein wunderbarer Edelsten glitzert. Dieser ist so raffiniert geschliffen, dass seine Facetten alle anderen Edelsteine in diesem Netz widerspiegeln, so dass eine unendliche Rückkopplung entsteht. Jeder einzelne Edelstein trägt ein Bild aller anderen in sich.Das Netz des Gottes Indra liefert uns ein passendes Bild für die unermesslichen Zusammenhänge innerhalb und zwischen den Systemen in der Natur genauso wie in den von Menschen gemachten Systemen, etwa der Produktionskette eines Produkts. Als Norris mit mir die Ökobilanz für ein Verpackungsglas durchging, wie es für Marmelade oder Nudelsoßen verwendet wird, fanden wir uns am Ende in einem Labyrinth von Mehrfachverknüpfungen wieder, die eine anscheinend unendliche Kette von Material-, Transport- und Energiebedarf bilden. Für die Herstellung von Marmeladengläsern (und jedes andere Verpackungsglas) müssen Material - darunter Quarzsand, Natron, Kalk und verschiedene anorganische Chemikalien - von Dutzenden Lieferanten sowie Energie in Form von Erdgas oder Strom eingekauft werden, um nur einige wenige zu nennen. Und jeder Lieferant tätigt wiederum Einkäufe bei Dutzenden Lieferanten oder nimmt diese sonstwie in Anspruch.
... Da "alles mit allem zusammenhängt", sagte Norris, "müssen wir ein ganz neues Denken entwickeln ... Wenn man bei der Prozesskette für ein Glasbehältnis die insgesamt 1952 Glieder weiterverfolgt, gelangt man zu Schleifen, die zurückführen - die Kette setzt sich ins Unendliche fort."
Die sehr gut lesbare Übersetzung dieses so wichtigen wie intelligenten Buches aus dem Amerikanischen stammt von Gabriele Gockel und Maria Zyback.
README Buchbesprechung:
Autor: avb, Datum: 07.09.2009Buch-Bewertung:
Daniel Goleman studierte einst Psychologie, wurde dann aber wie viele seiner Kollegen Journalist, schrieb unter anderem für die New York Times und Psychology Today - und dann den weltweiten Bestseller "Emotionale Intelligenz". Von der hatte vorher noch nie jemand gehört. In Tests messbare Rechen- oder Assoziationskünste galten als alleiniger Maßstab. Dass Mitgefühl, Freundlichkeit, Ehrgeiz oder zum Beispiel Konkurrenzneid auch etwas mit "Intelligenz" zu tun haben könnten, ja sogar ein maßgeblicher Teil davon sind - darauf war vor Goleman niemand gekommen.
Heute ist die "Emotionale Intelligenz" ebenso etabliert und anerkannt wie die "soziale" (Goleman´s zweiter Bestseller). Und von "Ökologischer Intelligenz", seinem neuesten Buch, wird auch bald alle Welt reden. Weil wir sie dringend entwickeln müssen. Oder wiederentdecken, denn einst, so Goleman, wussten wir, dass wir Teil der Natur sind, von ihr abhängig, mit ihr vernetzt. Die Beweise dafür (auch die von Goleman zitierten) sind allerdings sehr spärlich und hypothetisch. Ich glaube eher:
Ökologische Intelligenz ist etwas sensationell Neues auf diesem Planeten. Sie entstand ...
1. weil wir hoffnungslose Romantiker sind, die "den deutschen Wald", die Schönheit von Schmetterling und Orchidee, die Freuden einer Safari zu Elefanten und Löwen nicht nur selbst genießen wollen, sondern auch unseren Kindern und Enkeln zeigen.
2. weil Empathie, einer der von Goleman definierten Facetten der "emotionalen Intelligenz", heute als Charakterplus gilt und sie sich nicht nur auf den kranken Nachbarn zu erstrecken hat, sondern auch auf den verfolgten Tibetaner oder die vom Aussterben bedrohten Äffchen (Lemuren) auf Madagaskar.
3. weil unsere Weltsicht sich nicht mehr auf unseren Clan, unser Dorf, unser so hoch gelobtes, mit Schwert oder Raketen verteidigtes Vaterland beschränkt, wir unsere T-Shirts aus China beziehen, Bananen aus Südamerika, die wichigsten Rohstoffe fürs Handy aus Innerafrika. Nur deshalb werden wir langsam fähig, auch die Vernetzung zwischen Brandrodung im brasilianischen Regenwald, einem Hurricane über Miami und drastischem Schneemangel in unseren Skigebieten zu verstehen und zu verinnerlichen.
4. weil wir nicht mehr mit 30 oder 40 sterben wie unsere Vorväter, sondern 100 werden wollen, wird die Zukunft länger. Und alles, was uns diese Zukunft verbauen könnte, wird wichtiger. Wir entdeckten das Wort (und die Tatsache der) "Spätfolgen", beginnen die langsame Akkumulation von ganz unterschiedlichen Giften in unserem Körper zu verstehen, lernen deshalb langfristig zu denken. Und fordern von Industrie wie Regierung, uns zu schützen. Zum Beispiel durch Ökobilanzen. Denn erst durch sie wird klar, wie etwa eine bestimmte Industrieproduktion das Abwasser vergiftet, dadurch Pflanzen und Tiere in der Umgebung schädigt und schließlich uns selbst. Und was man dagegen tun kann, tun muss, weil der Schaden für unsere Gesundheit auf Dauer größer ist als die Kosten für eine Kläranlage.
Erst solche Öko-Bilanzen wie sie zum Beispiel Gregory Norris, der im obigen Buchauszug zitierte amerikanische Industrieökologe von der Harvard School of Public Health, entwickelt, zeigen uns, wie kurzsichtig und dumm die alte Haltung des Abwiegelns und Nicht-Wissen-Wollens vieler Produzenten, Konsumenten und Regierungen ist. Weil wir so unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstört.
Daniel Goleman geht es deshalb nicht um die viel beschworene Klimakatastrophe, oder nur am Rande. Das die kommt, wenn wir so weitermachen wie bisher, setzt er als bekannt voraus. Er beschreibt stattdessen so spannend wie eindringlich, was wir außer dem Klima alles kaputt machen. Und er zeigt uns detailliert, leicht begreifbar und ebenso spannend, was jeder von uns dagegen tun kann - in dem wir unsere Macht als Konsumenten ausnutzen, denn die ist in der Summe weit stärker als jeder Einzelne es sich und ihr zutraut. Er zitiert Beispiele, wie auch Großfirmen sich ihr heute schon anpassen (erst einmal aus Angst, den nach der Gesundheit stärksten Käufertrend zu versäumen) und erklärt absolut nachvollziehbar, wie wir ihre Angst weiter ausnutzen sollten. Der Kauf von teuren Ökoprodukten stellt er dabei in Frage (nicht alle sind wirklich teurer als die Nicht-Öko-Konkurrenz! Fair Trade Kaffee zum Beispiel!), Stattdessen empfiehlt er Hunderte von Kleinigkeiten, die wenig Mühe und Kosten verursachen. Vom Energiesparen über Glas- und Papierrecykeln bis zur Rückmeldung des eigenen Ärgers über nicht-ökologisches Denken bei den Herstellern und Anbietern. Ganz besonders letzteres.
Durch viele einzelne, mahnende, drohende, einfach nur missmutige Konsumentenanfragen wurde die global operierende Warenhauskette Wal Mart zum Öko-Vorbild, in Deutschland gilt Ähnliches zum Beispiel für den Otto-Konzern. Sogar die Trendschuhfirma Nike musste sich den Protesten ihrer Anhänger gegen die unmenschliche Sweatshops-Produktion in China beugen. Sie versucht heute, moralisch-ökologisch zu arbeiten, und sie informiert ihre Fans über die Fortschritte auf dem Weg zum "grünen Unternehmen".
Darum, sagt Goleman, geht es letzten Endes, um Information. Regierungen wie Industrie müssen transparenter werden, Ökobilanzen für ihre Arbeit erstellen, ihre Daten austauschen und - besonders wichtig - veröffentlichen. Damit wir, die Konsumenten, sie lesen können, kommentieren, Verstöße gegen die ökologische Intelligenz öffentlich anprangern. Dummheit, ein Mangel an normaler Intelligenz, schadete und schadet ja nur dem Einzelnen. Ökologische Ignoranz beeinträchtigt die Lebensaussichten von allen.
Golemans Buch liegt absolut im Trend. Das Schweizer Forschungsinstitut GDI zum Beispiel verkündete im September 09 den Trend zur Transparenz - nicht nur bei der Verpackung, sondern in erster Linie als Forderung der Verbraucher an die Hersteller. Das Hamburger Trendbüro definierte gleichzeitig den Magatrend zum "Ethischen Konsum" und erklärt damit die wachsende Macht des Einzelnen gegenüber den Anbietern. Beide Trends kommen Golemans Ruf nach mehr Öko-Wissen und -Engagement entgegen, denn "Ethik" ist tatsächlich stark im Kommen; die immer häufiger werdenden und immer größer aufgemachten Meldungen über unethisches Verhalten, Korruption in angeblich "seriösen" Unternehmen, hemmungslose Geldgier von Bankern oder rabiate Ausnutzung von Ressourcen ("natürlichen" wie menschlichen) beweisen es. Und ohne transparente Information ist gegen solche Un-Ethik nichts zu machen.
Deshalb erinnert Goleman in seinem Buch an einen fast vergessenen, weil angeblich nicht durchsetzbaren Slogan der 68er: "Power to the People" foderten damals die rebellierenden Studenten, und das Establishment lachte sie aus. Heute, davon ist der Bestsellerautor fest überzeugt, gehört die Macht wirklich dem "Volk". Sie gehört uns. Schließlich sorgen sich auch Politiker und Bosse um ihre Gesundheit jenseits der Rentengrenze. Auch sie haben Kinder, denen sie besseres bieten wollen als ein Zuhause neben einem leukemieverdächtigen Atomkraftwerk oder an einem See, an dessen Ufer "Baden verboten"-Schilder stehen. Außerdem können wir alle heute statt selten veröffentlichter Leserbriefe Emails schreiben. Oder SMSs. Oder unsere Meinung in Dutzenden von Chats im Internet äußern. Die Verantwortlichen sind gezwungen, uns zur Kenntnis zu nehmen und (auf Dauer) unsere Forderungen zu erfüllen. Weil sogar sie von den Massentrends zur Ethik und zur Transparenz beeinflusst werden? Auch das, mehr noch natürlich weil jeder von uns ein potentieller Wähler oder Kunde ist. Unentbehrlich für die Macht und das Einkommen dr sogenannten Eliten.
Noch baden, schnorcheln und tauchen Tausende von Touristen in südlichen Meeren, obwohl ihre Sonnencreme einen Virus füttert, der die Korallenriffe zerstört. Wir kaufen vielleicht das T-Shirt mit Öko-Label, sehen aber drüber weg, dass die dafür verwendete Farbe hochgiftig ist. Für uns wie für die Umwelt. Wir benützen Plastik in jeder Form und vergessen gern, dass für seine Herstellung kostbar werdendes Öl verbraucht wird und es dann, Jahrzehnte lang, Delphine, Schildkröten und zigtausende von Babyfischen ums Leben bringt. Wir fahren mit dem Auto zum Brötchenholen (ein Glück, dass sich wenigstes die fetten, Benzin fressenden Offroader zur Zeit vom Statussymbol in Pfuiii!-Autos verwandeln), drehen unsere Heizungen immer noch voll auf statt eine Jacke anzuziehen, und denken nicht darüber nach, dass die viel gepriesenen "regionalen" Produkte, die wir ethikbewusst kaufen, oft eine schlechtere Ökobilanz haben als jene aus Entwicklungsländern (auch diese überraschende Tatsache ist bei Goleman nachzulesen).
Das alles zeigt: Ökologische Intelligenz ist nicht angeboren wie vielleicht ein IQ von 150. Sie muss trainiert werden, denn "von Natur aus" wollen wir erst einmal satt werden, Sex haben, ein Dach über dem Kopf und möglichst Zentralheizung in jedem Zimmer. Ob für die Herstellung von Weizen-Mais-Reis-Dünger riesige Löcher in die Erde gebuddelt werden müssen, für die Produktion von Lippenstift, Body-Lotion und Shampoo Gifte produziert oder für unsere Heizung Kriege ausgefochten, interessiert uns erst einmal nicht.
Richtig? Nicht mehr.
Es beginnt es uns zu interessieren. Plötzlich sind uns halb verhungerte Kinder in einer indischen Baumwollweberei nicht mehr gleichgültig. Wir lauschen (freiwillig!) Berichten von der Überweidung der Sahelzone, die die Sahara immer weiter wachsen lässt, merken langsam, dass der Rauch aus unserem kleinen Schornstein an der Klimakatastrophe beteiligt sein könnte. Und - hoffentlich! - lesen wir Daniel Goleman´s sensationell informatives und hilfreiches Buch über "Ökologische Intelligenz", denn, so appelliert der Untertitel ganz ungeniert an unseren Egoismus: "Wer umdenkt, lebt besser."
Stimmt, denn durch alle von Goleman empfohlenen Gutmenschen-Maßnahmen retten wir nicht unseren Planeten. Der überlebt die nächsten Jahrmillionen auch, wenn die Eisbären aussterben, kein Wolf mehr durch den Bayerischen Wald streift und und auf der finnischen Tundra brave Milchkühe statt halbwilder Rentiere weiden. Aber unseren Platz auf diesem Planeten können wir uns sichern, und das wäre doch - ganz abgesehen von Ethik, globaler Empathie und romantischer Natursehnsucht - ein schöner Nebeneffekt der ökologischen Intelligenz, oder?

